Taichi als philosophisches Konzept

Taichi als philosophisches Konzept

Wenn wir umgangssprachlich sagen, wir machen Taichi, dann meinen wir damit üblicherweise das Taiji Quan. Taichi –oder besser Taiji– wird hier also bloss als Abkürzung gebraucht, indem man das “Quan” weglässt.

Taiji an sich, d.h. ohne das “Quan”, ist ein philosophischer Begriff und bezeichnet ein sehr altes und wichtiges Konzept aus der chinesischen Philosophie. Und genau dieses philosophische Konzept bildet den Kern unserer Kunst: dem Taiji Quan. Der Begriff “Taiji” bedeutet wörtlich so etwas wie das “höchste Ultimative”. Es findet sich erstmals im Buch der Wandlungen (Yi Jing), welches das älteste Buch der chinesischen Klassiker ist und traditionell auf das 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung datiert wird. Tatsächlich lassen sich Teile dieses Textes bis ins 2. Jahrtausend v.u.Z. zurückverfolgen.

Die Idee des Taiji wurde seither von verschiedenen Strömungen der chinesischen Philosophie, Spiritualität und Kampfkunst aufgenommen und weiterentwickelt, vor allem aber vom Daoismus, Neo-Konfuzianismus, der Inneren Alchimie (Neidan) und dem Taiji Quan.

Um Taiji als philosophisches Konzept verstehen zu können, müssen wir etwas ausholen. Wenn wir die alte chinesische  Philosophie verstehen wollen, dann haben wir das Problem, dass wir einen komplett anderen kulturellen Hintergrund haben, als die alten Chinesen. Unsere Sprache und somit auch unser Denken sind von fundamental verschiedenen Grundannahmen geprägt. Dies macht es umso schwerer, uns in das Denken der antiken  Daoisten hineinzuversetzen. Um es trotzdem zu schaffen, müssen wir zuerst unser eigenes Denken besser verstehen.

Unsere westlichen Kulturen haben gemeinsam, dass sie alle auf der Annahme basieren, die Welt bestehe aus zwei grundsätzlich verschiedenen Substanzen, nämlich Geist und Materie. Diese Annahme sitzt so tief in uns, dass es selbst hartgesottenen Naturwissenschaftlern oft schwer fällt, sich ganz von ihr zu befreien. Man spricht hier von einem dualistischen Weltbild.

Im Gegensatz zu uns haben die alten Chinesen kein dualistisches, sondern ein monistisches Weltbild. Das heisst, sie gehen davon aus, dass die ganze Welt aus nur einer einzigen Substanz besteht, nämlich dem Qi. Als Westler möchte man nun gleich nachfragen, ob es sich beim Qi um Geist oder um Materie handelt. Und schon sitzt man in der kulturellen Falle. Denn Qi ist eben weder Geist noch Materie, kann sich aber sowohl als das eine als auch als das andere manifestieren.

Das Qi kann also unterschiedliche Qualitäten haben. Dabei unterscheidet man primär mal zwischen Yin und Yang. Yin und Yang bezeichnen ihrerseits keine absoluten Zustände sondern bilden vielmehr die Pole eines Spektrums. Das heisst, Qi ist niemals ganz yin oder ganz yang. Es ist immer beides gleichzeitig, mal mehr yin und mal mehr yang. Yin und Yang ist also kein Dualismus wie bei uns Geist und Materie, sondern bezeichnen unterschiedliche Qualitäten von ein und derselben Substanz. In diesem Zusammenhang überrascht es auch nicht, dass die Chinesen gewöhnlich nicht von “Yin und Yang” sprechen, sondern einfach nur von Yin-Yang.

Qi kann sich also mal mehr yin und mal mehr yang manifestieren. Und genau hier kommt nun die Idee des Taiji ins Spiel. Taiji ist nämlich derjenige Zustand, bei dem Yin und Yang in perfektem Gleichgewicht sind, oder genauer gesagt, wo sich das Qi noch nicht in Richtung Yin oder Yang ausdifferenziert hat. Es ist gewissermassen das Qi in seinem Urzustand. Daher sagt man auch, dass das Taiji die Mutter von Yin und Yang sei.

Qi ist niemals statisch. Es ist immer in Bewegung, verändert sich stetig. Dabei fluktuiert es für gewöhnlich zwischen den beiden Polen von Yin und Yang. Im Zustand des Taiji hingegen ist es zwar auch immer in mehr oder weniger starker Bewegung, behält jedoch ständig das Gleichgewicht zwischen Yin und Yang.

Das alles kommt im bekannten Taiji Symbol (Bild 1) zum Ausdruck:

 

taiji tu Bild 1


Dieses Symbol veranschaulicht das Qi im Zustand des Taiji. Schwarz symbolisiert Yin, Weiss steht für Yang. Die kleinen Punkte bedeuten, dass im Yang immer auch Yin enthalten ist und umgekehrt. Wichtig ist zu verstehen, dass das Symbol nicht zwei Dinge (Yin und Yang) zeigt, sondern nur eines: Qi.

Man sollte sich das Symbol auch nicht statisch vorstellen, sondern in Bewegung: Die kleinen Punkte wachsen gleichsam, bis das Bild “kippt”, nur um neue “Punkte” hervorzubringen, die dann wiederum wachsen. So kann man sich die pulsierende und zugleich zirkuläre Qualität des Taiji besser verstehen.

Sobald das Qi nicht mehr im Zustand des Taiji ist, beginnt es sich als die “Zehntausend Dinge” zu manifestieren. Das ist dann die Welt, wie wir sie kennen, wo Yin und Yang selten in perfekter Harmonie vorkommen. Wie sich Yin und Yang auf der Ebene der “Zehntausend Dinge” verhalten wird dann in weiteren Theorien behandelt (Fünf Wandlungsphasen, Yi Jing, etc…), auf die wir hier aber nicht eingehen wollen.

Es gibt in der chinesischen Kosmologie freilich auch noch einen Zustand vor dem Taiji und somit vor dem Qi. Das ist das Wuji: die absolute Leere. Das Nichts. Dieses Konzept ist philosophisch gesehen notwendig, denn es kann “Etwas” nur vor dem Hintergrund eines “Nichts” geben. Anders gesagt: Wuji ist Nicht-Sein. Taiji ist Sein in seinem reinsten Zustand. Wuji ist zudem wichtig, weil hier die Daoisten das Dao ansiedeln. Das bedeutet, das Dao geht dem Qi voraus. 

 

Taijitu Bild 2

 

Nun kann man die Lehre von Wuji–Taiji–”Zehntausend Dinge” einerseits kosmogonisch verstehen: zuerst war das Nichts (Wuji), dann kam das Qi im Taiji und schliesslich entstand daraus die Welt. So gesehen ähnelt das Ganze doch sehr der modernen Theorie des Urknalls.

Man kann die Lehre aber auch ontologisch betrachten, so dass alles drei Zustände gleichzeitig, jedoch auf verschiedenen Ebenen stattfinden: Unsere Alltagswelt ist die Dimension der “Zehntausend Dinge” (oder die Mikroebene). Hier befinden sich Yin und Yang generell in einem Ungleichgewicht. Darüber gibt es die Ebene des Kosmos als Ganzes (Makroebene). Hier befindet sich das Qi insgesamt in perfektem Gleichgewicht (Taiji). Und “hinter” diesen beiden Ebenen verbirgt sich das ordnende Prinzip des Dao im Wuji (Metaebene).

So kann auch eine vermutlich ältere, mindestens tausendjährige Darstellung des Taiji (Bild 2) sowohl kosmogonisch als auch ontologisch gedeutet werden. Der oberste Kreis steht für das Wuji. Der schwarz-weisse Kreis steht für das Taiji. Aus diesem entspringt schliesslich die Welt durch die Transformationen des Qi entsprechend den 5 Wandlungsphasen.

Diese Darstellung legt auch ein weiteres wichtiges Konzept nahe: die Rückkehr zum Dao. Daoisten und Alchimisten lesen dieses Taiji Diagramm (Bild 2) nämlich auch rückwärts, d.h. von unten nach oben. So wird es zu einer Art Plan, der den Weg zurück zum Dao veranschaulicht.

Und genau diese beiden Vorstellungen, vom Wuji übers Taiji zu den “Zehntausend Dingen” und wieder zurück bildet den theoretischen Kern des Taiji Quan, sowohl für die Form als auch für die Partnerübungen.

© 2016 Dominik Burch, daogong.ch