Die drei Wege im Taichi

Die drei Wege im Taichi

Bei Gesprächen mit anderen Taichi Praktizierenden bin ich immer wieder erstaunt, wie oft mir jemand erzählt, er oder sie mache Taichi halt nur als Gesundheitsübung oder als Meditation und kenne daher die kämpferische Seite gar nicht.

Und tatsächlich ist es so, dass gerade bei uns im Westen nur sehr wenige Taichi Lehrer und Lehrerinnen überhaupt verstehen, wie das Taichi als Kampfkunst funktioniert, geschweige denn, es als solche zu praktizieren.

Daher stellt sich die Frage: ist Taichi überhaupt eine Kampfkunst? Oder gibt es auch so etwas wie ein reines Gesundheits-Taichi oder Meditations-Taichi?

Glücklicherweise geben uns die Taichi Klassiker dazu eine sehr klare Antwort. Die Taichi Klassiker sind eine Sammlung von älteren Schriften verschiedener Autoren, welche die theoretische Grundlage für das Taichi bilden.

Dort wird immer wieder betont, dass Taichi grundsätzlich zwei Aspekte miteinander vereinigt, nämlich das “Wen” und das “Wu”.

“Wen” ist ein sehr breiter Begriff und bezieht sich auf das Kulturelle. Hierzu gehört die Philosophie, Theorie, Geschichte, usw. Auch die Bereiche der Gesundheit, Lebenspflege, Meditation, Achtsamkeit und Spiritualität gehören zum “Wen”. Kurz, es geht um Lebenskunst.

“Wu” bezieht sich auf das Kämpferische, also die Kampfkunst.

In den Klassikern heisst es nun, dass es im Taichi drei mögliche Wege gibt, diese Kunst zu praktizieren. Der hohe Weg besteht darin, dass man “Wen” und “Wu” gleichermassen kultiviert. Anders gesagt, die hohe Kunst des Taichi kann man nur dann meistern, wenn man es sowohl als Lebens- als auch als Kampfkunst praktiziert.

Auf dem mittleren Weg ist man dann unterwegs, wenn man Taichi primär als Lebenskunst praktiziert, den kämpferischen Aspekt aber nebenbei, sozusagen als Nebenwirkung auch noch mitbekommt. Oder umgekehrt, wenn man Taichi vor allem als Kampfkunst lernt, dabei aber auch noch mit dem “Wen” vertraut gemacht wird.

Auf dem untersten Weg, bzw. auf dem tiefsten Niveau, praktizieren diejenigen, welche Taichi ausschliesslich als Lebenskunst oder ausschliesslich als Kampfkunst betrachten, ohne den jeweils anderen Aspekt in ihr Üben zu integrieren.

Aus der Sicht der Klassiker ist es also eine klare Sache. Man kann Taichi durchaus auf eine Gesundheitsübung oder eine bewegte Meditation reduzieren. Dann wird man aber nie ein mittleres oder gar hohes Niveau erreichen.

Das ist dann etwa so, wie wenn jemand Pianist werden möchte, aber dabei nur immer die weissen Tasten benutzt, ohne jemals die schwarzen Tasten zu drücken. Kann man zwar machen, wird aber nicht allzu weit führen.

Auch die grossen Meister betonten immer wieder, dass es für gutes Taichi immer beides braucht, “Wen” und “Wu”.

So hat auch der grossartige Meister Zheng Manqing gesagt, dass egal ob du Taichi vor allem wegen deiner Gesundheit oder wegen sonst etwas übst, du es immer auch als Kampfkunst üben sollst. Sonst werde die Wirkung immer marginal bleiben.

Das heisst nicht, dass man auf dem unteren Weg gar nichts erreichen kann. Auch ein bisschen Taichi kann schon eine positive Wirkung auf die Gesundheit haben. Klinische Tests haben dies eindeutig gezeigt. Die Wirkung ist jedoch sehr viel grösser und ganzheitlicher, wenn man den mittleren oder hohen Weg geht.

Dies entspricht auch meiner persönlichen Erfahrung: wer nur das Eine ohne das Andere praktiziert, wird nie ein gutes Niveau im Taichi erreichen. Daher legen wir an unserer Schule viel Wert darauf, Taichi als Lebens- UND Kampfkunst zu praktizieren.

 

© 2018 Dominik Burch, daogong.ch