Yin und Yang (Yinyang)

Yin und Yang (Yinyang)

Ähnlich wie im antiken Griechenland und zur etwa gleichen Zeit (vor rund zwei bis zweieinhalb Tausend Jahren), bildeten sich auch ihn China unzählige verschiedene philosophische Strömungen und Schulen. Die meisten ihrer Ideen sind im Laufe der Zeit wieder verschwunden und mit ihnen auch die Schulen, welche sie vertraten. Aber einige Ideen konnten sich durchsetzen, wurden von den erfolgreicheren Strömungen aufgegriffen und prägen unser Leben und Denken bis heute.

Allerdings waren es bei den Griechen ganz andere Vorstellungen, welche schliesslich die heutige abendländische Kultur zu formen vermochten, als bei den Chinesen. Und wenn wir uns mit chinesischen Begriffen und Konzepten beschäftigen, laufen wir unweigerlich Gefahr, diese durch den griechisch-abendländischen Filter zu verstehen, beziehungsweise völlig anders zu interpretieren und die eigentliche Idee dahinter zu verfehlen.

Genau diesem Problem stehen wir auch dann gegenüber, wenn wir von Yin und Yang sprechen. Wie kein anderer Begriff der chinesischen Philosophie haben es Yin und Yang in den populären Sprachgebrauch unserer westlichen Kulturen geschafft. Praktisch jeder kann hierzulande irgendetwas mit diesen Begriffen anfangen. Und doch macht es uns unsere kulturelle Prägung äusserst schwer, dieses chinesische Konzept richtig zu verstehen.

Für den alltäglichen Sprachgebrauch mögen solche Missverständnisse ja keine allzu grosse Rolle spielen. Wer sich hingegen mit traditionellen chinesischen Künsten und Praktiken wie Qigong, Neigong, TCM, Diätetik und insbesondere auch dem Taichi beschäftigt, benötigt ein sehr viel klareres Verständnis von diesem Schlüsselkonzept. Genau dies ist das Ziel des vorliegenden Beitrages. Wir werden uns hier vorerst mit Yin und Yang in einem allgemeinen Sinne auseinandersetzen. In einem späteren Beitrag wenden wir uns dann demselben Konzept und seiner spezifischen Bedeutung fürs Taichi (Taijiquan) zu.

Um die Idee von Yin und Yang besser zu verstehen, müssen wir uns zuerst anschauen, wie diese Begriffe ursprünglich verwendet wurden. In den frühesten Überlieferungen tauchen Yin und Yang immer in einem geographischen Kontext auf: Die sonnige Südseite eines Hügels ist yang, während die schattige Nordseite yin ist.

Und dies bringt uns bereits zum Kern von Yin und Yang. Es geht beim obigen Beispiel weder um den Hügel noch um die Sonne per se, sondern vielmehr um die Relation, Verbindung, Funktion oder Wirkung zwischen Hügel und Sonne.

Yin und Yang beschreiben nicht zwei voneinander getrennte Objekte, sondern das, was diese Objekte miteinander verbindet. Es geht also um etwas Drittes. Oder etwas philosophischer ausgedrückt: bei Yin und Yang geht es nicht um ein dualistisches, sondern um eine Art triadisches Denken.

Und an diesem Punkt stehen wir bereits vor der ersten grossen kulturellen Hürde. Die abendländische Kultur ist auf einer sehr fundamentalen Ebene dualistisch geprägt. Wir sind es uns derart gewohnt, in Dualismen zu denken (beispielsweise „Materie vs. Geist“), dass wir fast nicht anders können. Zudem mögen wir es, Dinge möglichst als separate Einheiten zu verstehen, wie sich am Beispiel der modernen Obsession rund um das Individuum sehen lässt.

Und diese zwei Denkmuster prägen entsprechend unseren populären Sprachgebrauch von Yin und Yang. Das zeigt sich nicht zuletzt auch gerade daran, dass wir stets von Yin und Yang sprechen. Viel treffender ist es, das „Und“ wegzulassen. So ist es übrigens auch im Chinesischen. Der chinesische Begriff wurde also ziemlich unglücklich eingedeutscht. Richtiger wäre es, von Yin-Yang oder Yinyang zu sprechen.

Das Yinyang Konzept beschreibt keine separaten, voneinander unabhängige Dinge, sondern drückt ganz im Gegenteil deren gegenseitige Verbindung aus. Yinyang interessiert sich nicht für die einzelnen Dinge per se, sondern für das „Dritte“ zwischen ihnen. Daraus folgt eine ganz bestimmte Art und Weise, die Welt zu verstehen, nämlich als ein riesiges Netzwerk von Verbindungen und Abhängigkeiten. Dies steht in krassem Kontrast zum abendländischen Weltbild, welches die Dinge an sich, als abgetrennte Einheiten in den Vordergrund stellt und nicht so sehr deren Verbindungen untereinander.

Bei Yingang geht es um die Beziehungen zwischen den Dingen. Und in der realen Welt ist alles irgendwie mit allem verbunden. Wie die Knoten in einem dichten Netz, bilden die Dinge Verbindungen mit vielen verschiedenen anderen Dingen gleichzeitig. Und je nachdem, welche Verbindung wir betrachten, kann ein und dasselbe Ding zugleich yin und yang sein. Es ist vielleicht yin in seiner Beziehung zu einem zweiten Ding und yang in Bezug auf ein drittes. In diesem Sinne ist nichts absolut yin oder absolut yang.

Yinyang ist ein kosmologisches Konzept. Es ist Teil eines monistischen Weltbilds, wo alles aus ein und derselben Substanz (Qi) besteht. Diese Substanz ist in einem ewigen Wandlungsprozess eingebunden. Dieser Wandlungsprozess folgt einem immanenten, alles durchdringenden, jedoch nicht-personalen Ordnungsprinzip, dem Dao. Und die Dynamik, welche diesen Wandlungsprozess antreibt ist das Taichi (Taiji).

Mit Yinyang wird nun beschrieben, wie sich die Substanz, also das Qi, innerhalb dieses Wandlungsprozesses relativ verhält. Und dies kann seinerseits weiter kategorisiert werden, zum Beispiel entsprechend den Fünf Wandlungsphasen oder den 64 Gua des Buches der Wandlungen (Yi Jing). Auf diese weiteren Unterteilungsebenen wollen wir in diesem Beitrag jedoch nicht eingehen. Bleiben wir stattdessen beim Yinyang selbst.

Beziehungen, die man mit Yinyang beschreiben kann, weisen folgenden Merkmale auf:

Gegensätzlichkeit

Wann immer zwei Seiten miteinander verbunden sind oder zueinander in Beziehung stehen, entsteht eine gewisse Gegensätzlichkeit oder ein Spannungsfeld. Selbst etwas, was wir als „harmonisch“ beschreiben würden, beinhaltet stets ein gewisses Mass an Spannung.

Gegenseitige Abhängigkeit (Interdependenz)

Aus Sicht einer Yinyang Verbindung kann eine Seite nicht ohne die andere existieren. Dies gilt insbesondere auch für begriffliche Gegensatzpaare: Wenn ich etwas als „gross“ bezeichne, dann muss es zwingend auch etwas geben, das „klein“ ist. Das Konzept „Gross“ kann nicht ohne sein gegenteiliges Konzept „Klein“ existieren. Dasselbe gilt für alle Gegensatzpaare (warm-kalt, gut-schlecht, usw.).

Die Yinyang Philosophie bezieht diese gegenseitige Abhängigkeit nicht bloss auf abstrakte Begriffe. Sie geht vielmehr auch davon aus, dass die Welt tatsächlich so funktioniert. Alles ist letztlich ein interdependentes Wechselspiel von scheinbaren Gegensätzen, wobei das eine nicht ohne das andere sein kann.

Komplementarität

Die Dinge können noch so widersprüchlich und gegensätzlich sein: wenn wir sie im Sinne von Yinyang betrachten, sehen wir, wie sie sich gegenseitig zu einem Ganzen ergänzen. Durch dieses Ergänzen verlieren Widersprüche ihren Schreck. Es sind schliesslich die Widersprüche, welche eine Ganzwerdung überhaupt erst ermöglichen.

Inklusion

Jeder kennt das Yinyang Symbol. Ein wichtiger Aspekt dieses Symbols bilden die beiden Punkte: der weisse Punkt im schwarzen „Fisch“ und der schwarze Punkt im weissen „Fisch“. Diese Punkte bringen das Prinzip der Inklusion zum Ausdruck. Dabei geht es darum, dass selbst bei scheinbar totalen Gegensätzen das eine immer im anderen enthalten ist.

Es gibt kein Yang, ohne dass darin Yin –mindestens in seinem Kern– bereits enthalten wäre und umgekehrt. Spätestens hier wird deutlich, weshalb Yinyang eben gerade kein dualistisches Konzept ist. Und weil im Yang immer auch Yin enthalten ist und umgekehrt, können Yin und Yang keine absoluten Zustände beschreiben. Nichts ist einfach nur yang oder nur yin. Etwas kann nur „mehr yang“ oder „mehr yin“ sein… innerhalb des Yinyang Spektrums.

Diese Idee des „Im-Anderen-enthalten-seins” bildet die Grundlage für das nächste Merkmal: Transformation.

Transformation

Das Yinyang Konzept ist Teil eines dynamischen Weltbilds. Alles befindet sich in einem ständigen Prozess des Wandels. Nichts bleibt statisch. Nichts bleibt unverändert. Alles ist Teil eines unendlichen Kreislaufs des Werdens und Vergehens.

Der kleine schwarze Punkt im weissen „Fisch“ –der kleine yin Kern im grossen Yang– wächst und wächst bis das Yinyang Symbol schliesslich umkippt und Schwarz und Weiss vertauscht sind. Aus Yang muss immer Yin werden und aus Yin wird immer Yang.

Und wie wir bereits gesehen haben, verläuft diese Transformation nicht binär (Yin oder Yang), sondern oszilliert immer entlang eines Spektrums. Mal ist es mehr yang und weniger yin, mal mehr yin und weniger yang.

Dieser Wandlungsprozess kann freilich unterschiedlich schnell verlaufen. Entscheidend ist jedoch, dass er immer stattfindet und nie stehen bleibt.

Resonanz

Der enorme kulturelle Erfolg des Yinyang Konzepts über die Jahrtausende hinweg liegt weniger in seiner Art die Welt zu verstehen, als in den praktischen Möglichkeiten, welche sich daraus ergeben. Diese praktische Seite basiert auf dem Prinzip der Resonanz.

Wenn wir die bisher genannten Merkmale zusammengenommen betrachten, dann wird schnell klar, warum wir in einer Yinyang Beziehung die eine Seite durch die andere beeinflussen können. Denn ändert sich das Yin, so muss sich zwangsläufig auch das Yang ändern. Es herrscht eine Resonanz zwischen den beiden Seiten.

Anders gesagt: wollen wir etwas verändern, brauchen wir es nicht unbedingt direkt zu verändern. Wir können es auch verändern, indem wir etwas anderes, das mit Ersterem in einer Yinyang Verbindung steht, verändern.

Wir sehen hier eine gewisse Ähnlichkeit zu dem, was man als magisches Denken bezeichnet. Und tatsächlich mündete das Yinyang Denken im Laufe seiner Geschichte immer wieder in allerhand abergläubischem Tun. Und dennoch dürfen wir Yinyang nicht mit magischem Denken gleichsetzen. Denn es basiert auf einer schier unendlichen Spannbreite von beobachtbaren, alltäglichen und vor allem reproduzierbaren Erfahrungen.

Yinyang ist also nicht bloss ein theoretisches, sondern mindestens so sehr auch ein pragmatisches Konzept. Es ist eine Art Strategie. Es ist die Strategie, auf der viele der traditionellen chinesischen Kulturtechniken und Künste beruhen.

Die Besonderheit und die grosse Stärke dieser Strategie liegt darin, Dinge, Situationen oder Prozesse grundsätzlich als Zusammenhänge zu sehen. Sie bringt selbst weniger offensichtliche oder gar verborgene Zusammenhänge ans Licht. Und sie bietet uns neue Handlungsalternativen.

Wir Menschen haben eine Faszination für alles, was „mehr yang“ ist. Es ist meist die Yang Seite eines Spektrums, welche unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht, welche uns fesselt. Und zwar dermassen, dass wir uns in der Regel gar nicht erst bewusst sind, dass es da auch noch eine andere, eine „mehr yin“ Seite gibt.

Die Yin Seite stellt für uns allzu oft das Verborgene, das Unbekannte, das Dunkle dar, dort wo scheinbar unbekannte Kräfte am wirken sind. Dabei ist es gerade diese Seite, wo häufig die besten Lösungen und Antworten zu finden sind.

Durch das Kultivieren von Yinyang schulen wir unsere Wahrnehmung für das weniger Offensichtliche und schärfen unseren Blick für die Yin Seite. Wir nehmen die Yang Seite zwar immer noch zur Kenntnis, lassen uns jedoch nicht von ihr einnehmen. Wir lernen, eine Situation besser als Ganzes zu sehen und die dabei wirkenden Kräfte genauer wahrzunehmen. So steht uns schliesslich ein breiteres Handlungsspektrum zur Verfügung.

Das Taichi als Kampf- und Lebenskunst ist zweifelsfrei einer der besten Wege, uns umfassend und ganzheitlich in Yinyang zu schulen. Wie dies konkret aussieht, wird dann Thema eines künftigen Beitrages sein.

In diesem Beitrag wurde versucht, die wichtigsten Aspekte des Yinyang Konzepts möglichst verständlich zu erläutern. Es gibt aber noch sehr viel mehr zu sagen. Wer sich noch weiter in dieses Thema einlesen möchte, dem sei das Buch „Yinyang – The Way of Heaven and Earth in Chinese Thought and Culture“ von Robin R. Wang (Cambridge University Press) empfohlen. Das Buch ist allerdings in wissenschaftlichem Englisch geschrieben und entsprechend anspruchsvoll zu lesen.

© 2019 Dominik Burch, daogong.ch