Was ist Kampfkunst

Was ist Kampfkunst? – Eine differenzierte Betrachtung

Kampfkunst ist eines jener Dinge, von denen alle glauben zu wissen, was es ist. Bei genauerer Betrachtung wird es schnell deutlich komplizierter. Am besten sieht man das heute an den unzähligen kontroversen Kampfkunstvideos und Diskussionen im Internet, insbesondere auf Social Media und Youtube.

Wie kann es zum Beispiel sein, dass ein angeblicher Taichi-Meister offenbar mühelos und ohne grosse Gegenwehr von einem MMA Kämpfer niedergeschlagen wird. Das Video dazu ging viral und führte einerseits zu grosser Empörung unter Anhängern traditioneller Kampfkünste und befeuerte andererseits die weit verbreitete Ansicht, dass die traditionellen chinesischen Kampfkünste nicht zum Kämpfen taugen.

Welche Kampfkunst am effizientesten ist, ist eine der ältesten Streitfragen in der Welt der Kampfkünste. Meist schneiden dabei moderne Systeme wie Mixed Martial Arts (MMA), Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ) oder Krav Maga am besten ab, während traditionelle Kampfkünste wie Aikido und Taichi die üblichen Schlusslichter bilden.

Diese Diskussionen vergleichen jedoch Dinge, die weniger miteinander gemeinsam haben, als dies auf den ersten Blick scheint. Kampfkunst ist eben nicht gleich Kampfkunst. Mit einer etwas differenzierteren Sichtweise erübrigen sich viele dieser Diskussionen. Anstatt alles in den gleichen Topf zu werfen, sollten wir grundsätzlich drei Arten von Kampfkunst unterscheiden: Kriegskunst, Kampfsport und Kultivierungs-Kampfkunst. Nachfolgend werden wir uns diese drei Kategorien ausführlich anschauen.

 

 

Kategorie 1: Kriegskunst (militärischer Nahkampf)

 

Die Kriegskunst ist sicherlich die breiteste Kategorie von Kampfkunst und dürfte so alt wie die Menschheit sein. Zur Kriegskunst gehört das gesamte Arsenal des kämpferischen militärischen Handwerks, das heute von Schusswaffen über Drohnen bis zum Cyberkrieg reicht. Uns interessiert jedoch lediglich der waffenlose militärische Nahkampf, der nur einen kleinen Teil der Kriegskunst ausmacht.

Der militärische Nahkampf ist auf einen kriegerischen Kontext ausgerichtet, der von extremer Gewaltbereitschaft und existentieller Bedrohung geprägt ist. Hier geht es darum, um jeden Preis zu überleben. Um eine solche Situation bewältigen zu können, müssen die Kampftechniken höchst effizient sein. Der Tod des anderen wird dabei in Kauf genommen (oder ist gar erwünscht). Im Kontext militärischen Nahkampfs braucht es auch spezifische mentale Fähigkeiten. Einerseits muss das Umfeld immer nach möglichen Bedrohungen beobachtet werden (situational awareness). Andererseits braucht es die Bereitschaft, selbst extreme Gewalt anzuwenden.

Obschon diese Art von Kampfkunst für kriegerische Situationen entwickelt wurde, gibt es einige moderne Nahkampfsysteme, die versuchen, den militärischen Nahkampf mit mehr oder weniger starken Anpassungen auf einen zivilen Kontext in Friedenszeiten zu übertragen. Am bekanntesten ist hier wohl das israelische Krav Maga. Die grosse Herausforderung für solche Systeme liegt darin, dass Fähigkeiten, welche in einem Krieg überlebenswichtig sein können, nicht wirklich in einen überwiegend friedlichen, zivilen Kontext passen. Viele der militärischen Nahkampf Techniken wären selbst zur Selbstverteidigung in einer Notwehrsituation unverhältnismässig und deren Anwendung kann schwerwiegende rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Zudem ist es mehr als fraglich, wieviel „situational awareness“ gesund ist. Wenn ich ständig nach möglichen Bedrohungen Ausschau halte, ist mein Leben von Angst geprägt und mein Verhalten grenzt an Paranoia.

Wenn man jedoch beispielsweise aus beruflichen Gründen einem stark erhöhten Gewaltrisiko ausgesetzt ist (Polizei, Security, Strafvollzug etc.), kann ein solches Nahkampfsystem natürlich auch in einer mehrheitlich friedlichen Gesellschaft sinnvoll sein.

Diese Art von Nahkampfsysteme sind auf das spezialisiert, was man umgangssprachlich Selbstverteidigung nennt. Mit Selbstverteidigung ist hier die Bewältigung akuter physischer Gewalt in einer Notwehrsituation gemeint. Der Punkt, den man unbedingt verstehen sollte, ist, dass solche Situationen extrem asymmetrisch sind.

Asymmetrisch bedeutet hier, dass es einen Aggressor und ein Opfer gibt, wobei der Aggressor alle wesentlichen Entscheide selbst trifft und sie dem Opfer aufzwingt: Wer ist das Opfer? Wann und wo findet der Angriff statt? Welche Waffen werden verwendet? Und so weiter. Meistens wählt der Aggressor ein möglichst leichtes Opfer und eine Situation aus, bei der das Opfer überrumpelt wird und von vornherein kaum Chancen hat, sich erfolgreich zu wehren. Alle Vorteile sind auf der Seite des Aggressors, daher die Bezeichnung der Situation als asymmetrisch.

Die Möglichkeiten, sich auf derartige Situationen erfolgreich vorzubereiten, sind aufgrund ihres extremen und asymmetrischen Charakters äusserst beschränkt. Dennoch wird von Kampfkünsten aller drei Kategorien immer wieder behauptet, sie hätten eine effektive Selbstverteidigung anzubieten. Das ist schlichtweg falsch.

Es sind in erster Linie die hier beschriebenen Nahkampfsysteme, die der Kriegskunst zuzurechnen sind, die auf asymmetrische Kämpfe ausgelegt sind. Zu einem geringeren Masse gilt das auch für Varianten der Kultivierungs-Kampfkünste (Kategorie 3), nicht aber für den Kampfsport (Kategorie 2).

 

 

Kategorie 2: Kampfsport

 

Hier geht es um Kampfkünste, die als Sportart betrieben werden. Dazu gehören zum Beispiel Boxen, MMA, Wrestling, Schwingen usw. Obwohl auch hier technisches Können und mentale Fähigkeit eine grosse Rolle spielen können, zeichnen sich Kampfsportarten durch ihren athletischen Charakter aus. Das Training ist darauf ausgelegt, sich in sportlichen Wettkämpfen gegenseitig zu messen.

Hier liegt ein entscheidender Punkt: Die Kämpfe sind klar reguliert und vor allem symmetrisch. Symmetrisch bedeutet hier: es wird nach Geschlecht und Gewichtsklassen getrennt, alle Beteiligten wissen, wann, wo und nach welchen Regeln gekämpft wird. Die Kämpfe sind also (mehr oder weniger) fair. Und vor allem: beide Kontrahenten wollen miteinander kämpfen. Das Kämpfen ist grundsätzlich freiwillig. Wer gerne mit anderen in einem relativ sicheren und vielleicht auch freundschaftlichen Rahmen kämpft, für den ist diese Art von Kampfkunst ideal. Aber auch für Menschen, die nicht besonders kämpferisch veranlagt sind, kann Kampfsport wegen seinem oft hervorragenden Fitnesstraining eine interessante Option sein.

Weil Kampfsportarten sehr stark auf Kämpfe in symmetrischen Situationen fokussiert sind, in denen klar definierte Regeln gelten, sind sie als Systeme zur Selbstverteidigung weniger geeignet. Bei der Selbstverteidigung geht es immer um –oftmals extrem– asymmetrische Situationen, auf die ein Kampfsportler eher schlecht vorbereitet ist.

Klar, ein Boxer kann sich mit genügender Kaltschnäuzigkeit und etwas Glück durchaus auch mal erfolgreich aus einer asymmetrischen Situation herausschlagen. Dennoch steht diese Art von asymmetrischem Kämpfen nicht im Zentrum des Trainings von Kampfsportarten. Falls doch, so handelt es sich vielleicht doch eher um eine Kampfkunst der ersten oder der dritten Kategorie.

Und wie sieht es auf „der Strasse“ aus? In Kampfkunstkreisen ist immer wieder von „der Strasse“ die Rede. Gemeint ist damit ein Kampf ausserhalb des Rings – also eine klassische Schlägerei. Auch wenn es hier keine klaren Regeln und keinen Ringrichter gibt, so ist eine Schlägerei in der Regel immer noch relativ symmetrisch. Und solange ein Kampf mehr oder weniger symmetrisch ist, fällt er in den Kompetenzbereich des Kampfsports. Allerdings sollte man bedenken, dass viele Techniken, die im Ring gut funktionieren können, im Strassenkampf häufig ungeeignet sind (z.B. Doppeldeckung, hohe Kicks etc.).

Meist geht es auf „der Strasse“ um verletzten Stolz oder darum, eine soziale Rangordnung zu etablieren (wer ist das Alpha-Tier oder die Alpha-Gruppe?). Diese Art von Kräftemessen macht nur dann „Sinn“, wenn beide Seiten etwa gleich stark sind und die Ausgangssituation für den Kampf symmetrisch ist. Sonst wäre der Ausgang ohnehin klar und ein Kampf unnötig.

Aus demselben Grund sind solche Kämpfe auch gut vermeidbar, solange man bereit ist, seinen eigenen Stolz hintanzustellen. Und für diese Art der Selbstkontrolle und Deeskalation ist der Kampfsport mit seinem Fokus aufs Duellieren und Gewinnen eher wenig zutragend. Diese Fähigkeit fällt viel eher in den Bereich der nächsten Kategorie, der Kultivierungs-Kampfkunst.

 

 

Kategorie 3: Kultivierungs-Kampfkunst

 

Diese Gruppe von Kampfkünsten stammt in der Regel von der Kriegskunst oder anderen Kultivierungs-Kampfkünsten ab. Aber anders als die Kriegskunst wurden diese Kampfkünste ganz klar für Friedenszeiten entwickelt. Im Unterschied zu modernen Nahkampfsystemen, steht hier nicht die Selbstverteidigung im Vordergrund.

Krieger hatten früher glücklicherweise nicht immer viel zu tun und waren bisweilen über mehrere Generationen hinweg „arbeitslos“. So gab es beispielsweise in Japan eine etwa 200 Jahre dauernde Zeit des Friedens, in der die Samurai keine Schlachten schlagen mussten. In genau solchen Friedenszeiten entwickelten sich viele der heutigen Kampfkünste.

In diesen Blütezeiten der Kampfkunst merkte man immer mehr, dass im Erlernen der Kampfkünste ein viel grösserer Wert liegt, als nur die Fähigkeit zu kämpfen. Das Stärken der Gesundheit oder das Entwickeln mentaler Qualitäten standen nun im Vordergrund. Kampfkünste wurden auch vermehrt in philosophische oder spirituelle Kontexte eingebunden und im Sinne einer Selbstkultivierung praktiziert.

Aus dem einstigen Kriegshandwerk entwickelten sich so verschiedene „Wege“ (jap. „Do“ / chin. „Dao“) im Sinne von Lebenskünsten, die sich auf alle Aspekte des Lebens auswirken. Zu dieser Kategorie, die hier Kultivierungs-Kampfkunst genannt wird, gehören vor allem viele traditionelle chinesische, japanische und koreanische Kampfkünste.

Weil die Kultivierungs-Kampfkünste von der Kriegskunst abstammen, finden sich hier immer noch viele der militärischen Nahkampftechniken, allerdings in häufig stark kodifizierter oder stilisierter Form. Das bedeutet, dass die Logik hinter den Bewegungen immer noch von den alten Nahkampftechniken gebildet wird, auch wenn dies vordergründig kaum noch ersichtlich ist. Und diese oftmals verborgene Logik zu verstehen, ist eine wichtige Voraussetzung, wenn man traditionelle Kultivierungs-Kampfkünste korrekt erlernen möchte.

Viele der Techniken der Kultivierungs-Kampfkünste sind also eng verwandt mit Techniken aus dem militärischen Nahkampf. Den Unterschied machen die Trainingsmethoden. Die an sich effektiven Nahkampftechniken werden hier hauptsächlich als Formen (Taolu / Kata) geübt. Das ist eine sehr gute Methode zur Selbstkultivierung, aber nur beschränkt geeignet als Training für den eigentlichen Nahkampf.

Grundsätzlich können die Trainingsmethoden für eine Kultivierungs-Kampfkunst so angepasst werden, dass auch solide Fähigkeiten für den Nahkampf vermittelt werden. Dabei läuft man jedoch stets Gefahr, andere Aspekte der Kultivierung aus dem Blick zu verlieren.

Ähnlich verhält es sich, wenn wir Kultivierungs-Kampfkünste mit Kampfsportarten vergleichen. Eine Kultivierungs-Kampfkunst kann zwar so trainiert werden, dass eine gewisse Kompetenz im sportlichen Kämpfen erworben wird. Das Problem ist jedoch auch hier wiederum, dass andere Aspekte der Kultivierung zu kurz kommen.

Zudem sind Wettkämpfe meines Erachtens schlicht nicht mit den Philosophien einiger Kultivierungs-Kampfkünste vereinbar. Davon abgesehen wird eine Kultivierungs-Kampfkunst kaum jemals die gleiche Kompetenz im sportlichen Kämpfen vermitteln können, wie ein Kampfsport, der auf genau dies spezialisiert ist. Warum also nicht gleich den Kampfsport wählen, wenn man kämpfen möchte?

Nicht ganz so einfach ist die Antwort auf die Frage, inwiefern Kultivierungs-Kampfkünste zur Selbstverteidigung geeignet sind. Für eine Antwort müssen wir uns zuerst vergegenwärtigen, was wir mit Selbstverteidigung meinen: Wenn wir von Selbstverteidigung in einem umgangssprachlichen Sinne sprechen (Bewältigung von akuter, asymmetrischer physischer Gewalt), dann können Kultivierungs-Kampfkünste je nach Trainingsmethode eine mehr oder weniger grosse Kompetenz vermitteln. Sie werden aber in dieser Hinsicht, wenn überhaupt, dann nur mit Mühe an moderne Nahkampfsysteme herankommen.

Man kann den Begriff “Selbstverteidigung” aber auch noch ganz anders verstehen, nämlich in einem viel allgemeineren und umfassenderen Sinne. Wenn wir von Selbstverteidigung sprechen, dann geht es prinzipiell um den Schutz unserer körperlichen und seelischen Integrität. Und die oben beschriebene Situation eines asymmetrischen Angriffs ist nur eine von vielen möglichen Bedrohungsarten, die uns verletzen können – in der Tat eine höchst unwahrscheinliche.

Eine sehr viel grössere Bedrohung geht indes von ganz anderen Quellen aus. Schauen wir uns dazu die Statistik zu den häufigsten Todesursachen in der Schweiz (Stand 2016) an: Herz-Kreislauf-Erkrankungen (20’712 Sterbefälle), Krebs (17’201 †), Demenz (5764 †), Atemwegserkrankungen (4108 †), Unfälle (2552 †). Im Vergleich dazu wurden in der Schweiz gerade mal 1374 Opfer einer schweren Gewalttat registriert (Stand 2018). Diese Zahl beinhaltet Gewalttaten wie die versuchte und vollendete Tötung, schwere Körperverletzung und Vergewaltigung.

In Anbetracht dieser Fakten möchte ich dafür plädieren, dass ein realitätsnahes Konzept von “Selbstverteidigung” nicht nur die Abwehr einer schweren Gewalttat, sondern vor allem auch die Prävention von Krankheiten und Unfällen umfassen sollte. In diesem Sinne bietet gerade das Taichi eine hervorragende Methode zur Selbstverteidigung.

 

 

Schlussbemerkungen

 

Was hier vorgestellt wurde, ist ein theoretisches Modell, das helfen soll, das Thema Kampfkunst etwas differenzierter zu betrachten. Wie alle Modelle, ist auch das hier vorgestellte nicht perfekt. In der Praxis ist es oftmals schwierig zu entscheiden, welcher Kategorie eine Kampfkunst nun zugehört. Und die Unterschiede zwischen verschiedenen Schulen derselben Kampfkunst können manchmal grösser sein als die Unterschiede zwischen einzelnen Kampfkünsten.

So ist es beispielsweise recht weit verbreitet, dass eine Schule, die eigentlich Kultivierungs-Kampfkunst unterrichtet (Kategorie 3) auch für Turnierkämpfe trainiert (Kategorie 2: Kampfsport), gleichzeitig aber der Selbsttäuschung unterliegt, ein hocheffizientes Nahkampfsystem zu praktizieren (Kategorie 1: Kriegskunst).

Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, aber weil die drei verschiedenen Arten von Kampfkunst ihren Fokus und somit ihre Trainingsschwerpunkte unterschiedlich setzen, kann man davon ausgehen, dass man so nie wirkliche Meisterschaft in irgendeiner der drei Kampfkunstarten erreichen wird. Wer jedoch eine Kampfkunst wirklich erlernen möchte, der sollte sich meines Erachtens zuerst darüber im Klaren sein, welche Art von Kampfkunst er meistern möchte und sich dann darauf konzentrieren.

Hätte der „Taichi Meister“ aus dem eingangs erwähnten Video dies beachtet, wäre er vielleicht nicht so dumm gewesen, gegen einen Kampfsportler in den „Ring“ zu steigen und hätte sich ein blaues Auge erspart.

 

© 2019 Dominik Burch, daogong.ch