Hase oder Schildkröte

Hase oder Schildkröte

Über die wichtigste Voraussetzung fürs Taichi

Wer neu mit dem Taichi anfängt, findet sich in der Regel in einer breit durchmischten Gruppe wieder. Und möglicherweise schielt man etwas neidisch zu denjenigen Mitschülern hinüber, die viel koordinierter, beweglicher und sportlicher sind als man selbst. Vermutlich haben sie schon jahrelang andere Aktivitäten  wie Yoga, Pilates, Karate oder Ähnliches betrieben. Oder sie sind einfach talentierter fürs Taichi…

Aber ist das wirklich so? Sind Koordination, Beweglichkeit oder allgemeine Fitness die entscheidenden Voraussetzungen fürs Taichi?

Nein! Und obwohl diese Fähigkeiten anfangs dabei helfen können, die komplizierten Bewegungsabläufe der Taichi Form zu erlernen, können sie genauso schnell zum Hindernis werden, wenn es darum geht, die Bewegungen “richtig” zu machen (nämlich von unten nach oben und von innen nach aussen).

Worauf kommt es denn stattdessen an? Was ist die entscheidende Voraussetzung fürs Taichi?

Die alten Meister waren sich darüber ziemlich einig und meine persönliche Erfahrung als Praktizierender und Lehrer bestätigen dies ganz klar. Die mit Abstand wichtigste Voraussetzung, welche man mitbringen sollte, wenn man Taichi lernen möchte, ist Durchhaltevermögen.

Taichi, so wie wir es verstehen, ist nicht etwas, das man einmal wöchentlich für 60 Minuten praktizieren kann, um ein wenig abzuschalten und dem Alltag zu entfliehen.

Es ist vielmehr eine tiefgründige Lebenskunst, bei der wir mit unserem Energiekörper arbeiten, diesen aufbauen, entwickeln und schliesslich transformieren. Und da der Energiekörper die Verbindung zwischen Körper und Geist bildet, wirkt dieser Prozess ganzheitlich und nachhaltig auf unser Sein.

Es ist dies ein Prozess, der sich von den meisten anderen körperlichen Aktivitäten fundamental unterscheidet und auch ganz anderen Gesetzmässigkeiten folgt.

Taichi sollte man unbedingt langsam aber beharrlich angehen. Es ist wichtig, dass man täglich ein wenig übt, es aber gleichzeitig nicht übertreibt. Nur so können sich Körper und Geist an die Entwicklung des Energiekörpers gewöhnen. Taichi lernt man am besten, wenn man es auf “niedriger Flamme köcheln” lässt.

Somit entzieht sich das Taichi auch den Idealen unserer Leistungsgesellschaft. Mehr ist hier nicht besser. Für Anfänger ist es viel ratsamer, täglich 10 bis 20 Minuten zu üben, als gleich eine Stunde oder mehr am Stück zu trainieren oder an den Wochenenden regelmässig einen mehrstündigen Trainingmarathon hinzulegen. Übertreiben kann sehr schnell kontraproduktiv werden. Man kann den Prozess nicht forcieren.

Hingegen ist es viel wichtiger, dass man auch langfristig dran bleibt. Selbst dann, wenn man vielleicht nicht so motiviert oder fit ist. Denn der häufigste Grund, im Taichi zu scheitern ist einfach der, dass man zu früh aufgibt. Und deshalb ist Durchhaltevermögen so entscheidend.

Sei lieber eine Schildkröte als ein Hase.

 

© 2019 Dominik Burch, daogong.ch