Dumme, kluge und mysteriöse Hände

Dumme, kluge und mysteriöse Hände

Im Taichi trifft man gelegentlich auf die Unterscheidung von dummen vs. klugen vs. mysteriösen Händen. Auf den ersten Blick mag diese Unterteilung etwas salopp erscheinen und man neigt vielleicht dazu, einfach darüber hinweg zu lesen. Bei genauerer Betrachtung verbirgt sich dahinter jedoch eine sehr nützliche Systematisierung, welche uns einerseits erlaubt, den Kampfkunst- (und in übertragenem Sinne auch den Lebenskunst-) Aspekt des Taichi besser im Kontext anderer Kampfkünste zu verstehen. Und andererseits gibt es uns auch eine Art Leitfaden, in welche Richtung unsere Entwicklung als Taichi Praktizierende gehen kann.

 

Dumme Hände

Von dummen Händen sprechen wir dann, wenn man im Kampf primär auf Muskelkraft und Resilienz (die Fähigkeit, einstecken zu können) setzt. Es gilt das Prinzip: der Stärkere gewinnt. Entscheidend ist hier das, was die Chinesen “Li” (rohe Muskelkraft) nennen. Die Entwicklungsmöglichkeit auf Stufe der dummen Hände beschränkt sich auf “mehr Kraft, mehr Resilienz”.

 

Kluge Hände

Bei den klugen Händen setzen wir nicht mehr auf rohe Muskelkraft, sondern auf Technik, Strategie und Erfahrung. Es geht also um Können. Erst auf dieser Stufe kann man von einer KampfKUNST sprechen. Bei den chinesischen Kampfkünsten spricht man hier auch von “Jin” (im Gegensatz zum oben genannten “Li”). Das Schriftzeichen für “Jin” 勁 verbindet das Symbol für einen unterirdischen Fluss (oder Erfahrung) mit dem Zeichen für Kraft. “Jin” ist also eine durch Erfahrung und Können verfeinerte Form von Kraft.

Praktisch alle Kampfkünste bewegen sich irgendwo im Bereich zwischen den dummen und den klugen Händen. Denn alle legen Wert auf Technik, Strategie und Erfahrung. Und zugleich bleiben sie dennoch mehr oder weniger “dumm”, indem sie weiterhin auf Kraft und Resilienz setzen, wie sich sowohl in deren Trainingsmethoden als auch im Kampf deutlich zeigt.

Hier unterscheidet sich Taichi von fast allen anderen Kampfkünsten. Denn von Taichi können wir erst dann sprechen, wenn wir die dummen Hände komplett aufgegeben haben und uns vollständig auf die klugen (oder mysteriösen) Hände verlassen. Im Taichi gibt es also kein “Li” mehr. Ferner setzt Taichi voraus, dass unsere Hände nicht einfach “irgendwie” klug sind, sondern den Taichi Prinzipien entsprechen.

Innerhalb der klugen Hände allgemein und speziell auch im Taichi gibt es eine enorme qualitative Spannbreite, von ziemlich klug bis genial. Dies hängt vom jeweiligen Entwicklungsstand der einzelnen Arten und Bestandteile von “Jin” ab. “Jin” ist ein sehr viel komplexeres Konzept als “Li”. Entsprechend können sich die klugen Hände zwischen den verschiedenen Stilen, aber auch von Person zu Person stark unterscheiden. Und anders als bei den dummen Händen, wo man schon ziemlich jung den Zenit erreicht, kann man bei den klugen Händen auch noch im hohen Alter grosse Fortschritte machen.

Beispiel von sehr klugen Händen (Meister George Lin):

Mysteriöse Hände

Die Stufe der mysteriösen Hände wird nur von sehr wenigen Menschen erreicht. Hier ist “Jin” derart verfeinert und verinnerlicht, dass es nicht mehr mechanisch, sondern rein energetisch funktioniert. Das heisst, energetische Impulse können rein mental von einem Körper auf einen anderen übertragen werden. Von aussen sieht es dann so aus, dass ein Meister jemanden nur leicht (oder gar nicht) berührt und dieser dann mehrere Meter zurück geschleudert wird. Die Wirkung scheint viel zu gross für das, was der Meister tut. Für den Betrachter sieht dies jeweils völlig unglaubwürdig aus.

Und genau hier liegt auch das Problem: weil die mysteriösen Hände Wirkungen ermöglichen, die komplett unvereinbar sowohl mit unserem westlichen Menschenbild als auch mit unserer üblichen Körpererfahrung sind, ist es praktisch unmöglich zu erklären, was hier genau passiert. Man muss es selbst fühlen und dann versuchen, es intuitiv zu verstehen.

Die mysteriösen Hände können nur in den sogenannten inneren Kampfkünsten (Taichi, Bagua, Xingyi, etc…) erreicht werden. Denn es ist genau dieser Bereich, bei dem der Unterschied zwischen inneren und äusseren Systemen am deutlichsten wird.

Beispiel von mysteriösen Händen (Meister Kang Zhengyi):

Uns Taichi Praktizierenden hilft diese Unterscheidung von dummen, klugen und mysteriösen Händen, unseren Platz innerhalb der Kampfkünste einerseits und innerhalb des Taichi andererseits besser zu verstehen. Wer mit dem Taichi beginnt, befindet sich praktisch immer auf der Stufe der dummen Hände. Ziel sollte es daher sein, möglichst rasch auf die Stufe der klugen Hände zu kommen. Denn erst hier können wir wirklich Taichi praktizieren. Danach geht es darum, die Qualität der klugen Hände stets zu verfeinern. Allenfalls kann man auch versuchen, in den Bereich der mysteriösen Hände vorzudringen. Dazu braucht es aber sehr viel Talent, Geduld und Zugang zu einem Meister mit mysteriösen Händen.

 

© 2018 Dominik Burch, daogong.ch